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Mit der Seele den Menschen suchen,
der mit Filmen sein 20. Jahrhundert in die Schranken weisen wollte: Zwei
Kämpfe um eine Sache – die Brücke zum Menschen, dem humanen, der aus
barbarischem Urschlamm neu geschaffen werden musste.
Emblematisch liegt der erschossene Junge auf der Brücke des Todes, deren
Bogen aufs Hinüberkommen weist. Emblematisch erscheint zerborsten der
Stacheldraht vom KZ Sachsenhausen, in dem der Häftling Wicki andere
Häftlinge laufen und einige verzweifelt verenden sah. Solche Bilder des
Jahrhunderts waren es, die sich in Bernhard Wicki eingegraben hatten,
die zur Konstanten seiner filmischen Arbeit wurden. Ging es anders? Für
ihn nicht.
Mit dem liebenden Blick der Schauspielerin und Ehefrau sucht Elisabeth
Wicki-Endriss den Orten, Kämpfen, verstörenden ebenso wie poetischen
Bildern in Wickis Leben und Filmen nachzuspüren, ganz seelenverwandt
nah, mit nie gezeigten Aufnahmen und nie öffentlich gesprochenen
Gedichten Bernhards, der zuerst Maler, dann Flieger, dann Dichter, dann
Schauspieler, dann Fotograf, dann Regisseur werden wollte: alles immer
unbedingt, ohne Kompromisse gegen Zeitgeistiges – unbedingt wie er
liebte, zeitweise zwei Frauen gleichzeitig: Agnes Fink und Elisabeth
Endriss.
Schon sein erster Spielfilm „Die Brücke" sollte perfekt das genaue,
ganze, grausame Bild der elend krepierenden Jungen am Ende des Krieges
zeigen – gegen den Trend der eher heldischen literarischen Vorlage,
deren Haltung er ins Gegenteil drehte. Hollywood rief ihn, ließ ihn vier
Jahre mit großen Weltstars (Marlon Brando, Ingrid Bergman) arbeiten,
aber halten in diesem „System" konnte ihn auch ein generöser Produzent
wie Zanuck nicht; es fehlte die Autonomie, ohne die für Wicki
künstlerische Arbeit unmöglich schien.
Da stürzte er sich lieber daheim ebenso trotzig wie wagemutig in die
Arbeit „Die Eroberung der Zitadelle", die ihn in Schulden stürzte und
nicht einmal die Anerkennung brachte, die er erhofft hatte. Sein
Selbstgefühl als unabhängiger Künstler, dem er mit diesem Film aufhelfen
wollte, übertraf alle Widrigkeiten.
Joseph Roths Roman- und Lebenshaltungen musste er nicht drehen – sie
waren auch seine. „Das falsche Gewicht" brachte ihm Anerkennung und
Auszeichnungen die Fülle. Später verbiss er sich bis zur
Todeserschöpfung in Roths „Das Spinnennetz", das in Cannes Jubel, aber
bei den blutigen Szenen mit den rechten Freicorps-Schlächtern auch
Entsetzen auslöste. Er sah gewalttätige Rechtsradikale in der
Bundesrepublik wieder ihr Haupt erheben. Dagegen musste etwas gemacht
werden; er jedenfalls wollte und konnte nach gemachten Erfahrungen nicht
schweigen: wenn es sein musste, auch brachial sprechen und zeigen.
Bernhard Wicki, den jemand „Jahrhundertmann" nannte, fasste und umfasste
und erfasste intuitiv immer mehr, als dem Menschen normalhin gegeben
ist. Das machte ihn zum Zerrissenen, zum Außenseiter, zum Mann zwischen
den Zeiten und Ästhetiken: zum Singulär, der die Solidarität
menschlicher Gruppen besang und doch zu ihnen nicht wirklich gehören
konnte.
Eine filmisch-poetische Nachempfindung all dessen, berührend,
ergreifend, die Seele wie Bernhards schwarzen Engel aus dem
Machandelbaum suchend, ist dieser Film-Essay eigener Prägung, der uns zu
den Polen der Liebe und des unbedingten künstlerischen Kampfes führt,
auch des ewigen Kampfes gegen sich selbst wie gegen Barbarismen und
Fanatismen menschlicher Ideologien. Ein Klima wollte er mit seinen
Filmen schaffen, das es ermöglichte, Humanes in uns Menschen zu wecken.
Elisabeth Wicki-Endriss ist diesem Klima mit Feingefühl, Genauigkeit und
Poesie gefolgt, das es ermöglicht, dem Menschen Wicki in seiner ganzen
Vielfalt, dem Künstler und seinem Jahrhundert, noch einmal neu zu
begegnen. Filmen heißt, dem Tod bei der Arbeit zuzusehen, aber ihn auch
wenigstens zeitweilig zu überwinden. Elisabeth Wicki-Endriss zeigt in
ihrem liebenden Film-Essay, dass beides geht. Bernhard Wickis einmalige
Arbeit lebt für sich und in ihm fort – auch über sein 20. Jahrhundert
hinaus.
23. November 2006 Heinz
Ungureit |